Nicht-mehr-Wähler und Austreter

Momentan lese ich in der Diskussion um zwei Mitglieder der Piratenpartei häufiger die Worte “euch wähle ich nicht mehr” und “ich trete aus”. Nun denn, das sei euch unbenommen – ich würde sogar sagen: gut so!

Das Ganze hat etwas mit Tunnelblick und Schwarz/Weiß-Denken zu tun, was so gar nicht zu den Piraten passt. Anstatt sich mit einem Thema sachlich auseinander zu setzen und zu versuchen, die Intentionen in Erfahrung zu bringen, wird ein “Beißreflex” ausgelöst, der jegliches logisches Denken und jegliche Objektivität (sofern überhaupt vorhanden) in den Hintergrund treten lässt. Die Folge ist ein Aufschreien, dass man bestimmte Thematiken nur auf bestimmte Art und Weise anfassen kann und jeder, der anderer Ansicht ist, also jeder, der nun versucht, sich dennoch objektiv mit den Äußerungen von Parteimitgliedern (wohlgemerkt nicht von der Partei) auseinander zu setzen, wird in die entsprechende Ecke gestellt. Sei es der Rechtsextremismus, sei es Pädophilie oder sei es irgendwas ganz anderes (was mit Sicherheit noch kommen wird).

“Piratig” ist das dann nicht mehr, weil wieder nur in Schubladen gedacht wird. Das “Freidenkertum“, für welches sich die Piratenpartei einsetzt (und ich hoffe, dass sie es auch noch nach vielen Debatten dieser Art tun wird), wird durch diese Pseudo-Freidenker (Leute, die von sich behaupten, Freidenker zu sein, aber sich selbst und andere dabei dennoch an subjektiv festgesetzte Grenzen binden) gefährdet. Von daher ist es gut, dass sich solche Leute, die sich eben nicht mit dieser “piratigen” Einstellung identifizieren können, wieder von der Piratenpartei lossagen. Wenn es eine Partei der eingeschränkten Freidenker gäbe, wären diese Leute dort sicherlich besser aufgehoben. Wir sind nunmal Piraten – und echte Piraten lassen sich nicht auf ein innerhalb moralischer und gesellschaftlicher Grenzen beschränktes Denken ein. Denken 2.0.

Ok, das mag jetzt etwas nach Polemik klingen. Gut so… denn auch ich bezeichne mich als jemanden, der frei denkt und sich nicht von irgendwelchen moralischen* und gesellschaftlichen Grenzen einengen lässt, was mir vor einiger Zeit schon mal eine Unterlassungserklärung wegen Beleidigung einer Person eingebracht hat (das erwähne ich nur, damit niemand später behaupten kann, er hätte das nicht gewusst). Dabei möchte ich aber durchaus auch anmerken, dass es mir nicht in den Sinn kommen würde, faktische Tatsachen zu bestreiten und ich auch aufgrund einer provokativen und kritischen Auseinandersetzung mit solchen Dingen keinesfalls beabsichtigen würde, auf ein anderes Ergebnis zu kommen. Wie ich in dem vorigen Blog-Beitrag im übertragenen Sinne schon schrieb, lasse ich mich auch gerne von meinen eigenen Thesen, die keinen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit erheben, abbringen. Das Ganze hat auch nichts mit Opportunismus zu tun, sondern einfach mit gesundem Menschenverstand. Wenn ich eine festgefahrene Meinung hätte, die niemand ändern könnte (nicht mal ich selbst), wäre der Begriff “Freidenker” für mich absolut fehlplatziert und ich wäre kein richtiger Pirat.

Nachtrag 11.07.2009 06:38 Uhr: Natürlich müsste man “Moral” noch näher definieren.

Artikel Informationen

11 Inschriften zu “Nicht-mehr-Wähler und Austreter”

  1. vor kurzem rutschte mir dazu der Gedanke über den mehr oder weniger fortgeschrittenen Selbstfindungsprozess Einzelner raus. Bei mir führte dieser Prozess eben zur Feststellung der größtmöglichen Übereinstimmung mit den Piraten und zur ersten Parteimitgliedschaft meines mittellangen Lebens. Sollte dieser Prozess bei anderen zu anderen Ergebnissen führen ist das meiner Meinung nach tatsächlich “gut so”, denn das lässt auf eigenes Denken und Entscheiden schließen.
    gruß
    rtf

    P.S.: Habe gerade gedanklich in Deinem Post “Pirat” durch “Mensch” ersetzt. Liest sich immer noch gut!

  2. Keine Moralische Grenzen sehe ich weder als erstrebenswert noch als piratig an. Ich wüsste auch nicht wozu das gut sein soll.

    Gruss
    Bernd

  3. @Bernd Eckenfels: “keine” kann ich nicht lesen. Z.B. kann es für einen (fiktiven) Jugendlichen, der in ländlicher Gegend in konservativem – bspw. streng katholischem – Elternhaus aufwächst, durchaus erkenntnissreich sein, sich über die ihm gesetzten moralischen und gesellschaftlichen Grenzen hinwegzusetzen und für sich diese Grenzen neu zu definieren. Passiert millionenfach, jeden Tag.

    gruß
    rtf

  4. @RTF: stimmt, vor mehreren Monaten im Religionsunterricht einen Text von so einem Freidenker behandelt. Der hat als streng katholisch erzogener Bayer doch glatt gewagt, die Jesus-Verehrung in Frage zu stellen / in seinem Text Jesus sogar schlecht darzustellen. Weiß leider den Namen des Bursche gerade nicht mehr…

    Sind wir politischen Blogger nicht sowieso zum Großteil solche Freidenker? Zumindest manchmal habe ich nicht ganz der Standardmeinung entsprechende Artikel, lasse mich aber von Kommentatoren gerne eines Besseren belehren.

  5. Dito @ Blogeintrag.

    An die ganzen Moralprediger: Was Frau von der Leyen mit den Indern gesagt hat ist nicht Moralisch unbedenklich?
    In welchen Jahrhundert leben wir? Wenn irgendein Idiot absoluten Mißt erzählt seh ich jetzt auch kein Problem drin, denn schliesslich muss ich ihn nicht ernstnehmen und kann als Freidenker sagen, du spinnst, ignorier ihn und gut ist. Wer so dumm ist und solche Falschaussagen einfach übernimmt ist ja sein Problem.

    Ich glaube definitv daran das es den Holocaust gab und das Hitler den Krieg wollte und finde es auch einfach nur schrecklich und hoffe das sowas nie wieder passiert, genauso schrecklich finde ich das jeden Tag viele Kinder/Menschen in Ländern wie Afrika oder anderen armen Ländern verhungern müssen oder anders schrecklich sterben. Doch da denkt genauso einer wenig dran und ist genauso “moralisch bedenklich”, wo wir hier uns zum Teil mit dicken Geldbörsen über Kleinigkeiten aufregen, doch jeder Moralprediger ignoriert genauso _aktuelle_ schreckliche Dinge, wenn nicht, wär durch die Milliarden an Spenden Afrika schon längst kein dritte Welt Land mehr, naja. Ich glaube z.B. nicht an Gott und genauso wenig an Jesus und das die Bibel ein reines Märchenbuch ist, ist das jetzt ein Problem? Mich muss mit der Aussage jetzt auch kein “Gläubiger” ernstnehmen. Oder sind wir wieder in der Zeit der Hexenjagd und verfolgen all solche Menschen? Wo leben wir denn? Und ich als Nichtgläubiger akzeptiere auch den Glauben anderer Leute. Es ist nicht mein Problem was andere denken oder glauben. Die Menschheit müsste mittlerweile eigentlich soweit entwickelt sein und aus der Geschichte gelernt haben was falsch und richtig ist und automatisch filtern können. Aber anscheinend schafft das wohl eher doch nur eine Minderheit…

    Naja. Das mit der Moral ist denk ich ein generelles Problem der Menschheit welches nicht so einfach mit Politik oder geschweige mit Religion zu differenzieren ist und wohl auch immer ein Problem sein wird. Besonders in Westlichen Ländern sind wir gerade durch Religionen zu schwarz/weiß(richtig/falsch) Denken geprägt, in anderen Ländern wie Asien stellt das nicht ein ganz so großes Problem dar.

    Hoffe aber das sich das sehr schwierige Problem irgendwie, irgendwann einmal lösen wird.

    In der Zeit sollten wir das vergangene nicht immer hochkochen lassen(natürlich jedoch nicht vergessen und leugnen), aus den Fehlern von vergangenen gelernt haben und unbedingt VERHINDERN das es in der Gegenwart/Zukunft nocheinmal passiert, sonst haben wir irgendwann wieder eine Diktatur oder im moment fast das gleiche: einen Polizei-/Überwachungsstaat, was schneller kommen kann als gedacht. Ich finde das ist am allerwichtigsten.
    Mann muss auch bedenken das gerade durch Freidenker auch Widerstand gegen Ihr ehemalige Systeme geleistet wurde, ob in der Hitlerzeit, oder momentan in Iran. Und in der Zeit war deren Widerstandsdenken “moralisch bedenklich”…

    Na ja, In der Zeit, macht was ihr für richtig haltet und bleibt dabei. Muss jeder selber wissen solange keiner DIREKT geschadet wird.

  6. @#5
    *hust* *hust*

    “Ich glaube definitv daran[...]” …
    “Und ich als Nichtgläubiger [...]“

  7. @6

    Man kann auch alles auseinandernehmen. :)

    Natürlich bezog ich mich mit “Nichtgläubiger” auf den Glaube in Verbindung mit Religion und nicht wie du es nun darstellst.
    Na ja, hätte mich auch besser ausdrücken können, aber war ja auch noch früh..
    Sollte aber trotzdem klar sein wie ich es meinte.

  8. Ich möchte anmerken, dass das Thema Holocaust immer religiösere Züge annimmt.

    GOLDEN THREAD

  9. Erstmal sollte man anmerken, dass viele sagen, sie würden austreten oder die PPD nicht mehr wählen, wenn B.T. noch in der Partei ist oder er noch auf der Landesliste steht oder er sich nicht endlich klar distanziert.

    Persönlich bin ich für Freidenkertum und gegen jegliche Meinungsverbote, aber wenn B.T. noch auf der Liste steht und sich nicht klarer distanziert als er das bisher getan hat, ist die PPD für mich unwählbar. Ich trete absolut für Bodos Recht ein die Meinung zu vertreten, die er vertreten hat und imho so wie ich die “Distanzierung” verstehe noch vertritt. Aber deswegen muss ich mir seine Meinung ja nicht zu eigen machen oder sie gar mit einem Kreuzchen unterstützen.

    Man sollte bei der Meinungsfreiheit schon differenzieren zwischen Meinungsfreiheit innerhalb der Gesellschaft und Meinungsfreiheit innerhalb einer Partei. Absolute Meinungsfreiheit innerhalb einer Partei halte ich für Quatsch. Parteien sind dazu da Politisch ähnliche Meinungen verschiedener Personen zu bündeln. Innerhalb eines Grundkonsens kann es dann auch innerhalb einer Partei eine gewisse Bandbreite geben, meist nennt sich dass dann rechter oder linker Flügel oder Fundis und Realos…. Aber jegliche Meinung innerhalb einer Partei ist für mich mit dem Wesen einer Partei nicht vereinbar. Da müsste ich mich dann fragen, wofür die Partei überhaupt steht. Was käme dann als nächstes? Ein Befürworter von Internetsperren auf einer Landesliste?

    Wenn jemand auf der Landesliste einer Partei steht, dann besteht die Möglichkeit, dass er durch die Partei einen Sitz im Parlament erlangt und dann muss für mich klar sein, wofür diese Person steht, zumal die Unterscheidung von persönlicher Meinung und Parteimeinung nur bedingt sinnvoll ist, weil Bundestagsabgeordnete zurecht nur ihrem Gewissen unterworfen sind, auch wenn die Fraktionen sie unter Druck setzen.

    Ich bin auch im Bereich Holocaust und Kriegsschuld ein Freidenker. Als studierter Historiker habe ich mich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und habe dabei meine Ansichten häufiger mal durch Einsicht geändert (z.b. im Punkt wieviel wusste die Deutsche Bevölkerung). Die Beiträge von B.T. waren aber totaler Quatsch und das auch wissenschaftlich nachweisbar. Die Geschichte ist nicht immer eine exakte Wissenschaft, aber gegen die Quellen kann man auch nicht argumentieren. Man kann also sagen, dass man den Überfall Deutschlands auf Polen für eine gute Sache hält, das wäre nur moralisch fragwürdig, aber das was B.T. dazu sagte ist schlicht falsch und daher auch mit Freidenkertum nicht mehr zu rechtfertigen.

    Ich bin absolut für Freidenkertum, aber der erste Satz der Wiki macht schon klar, wodurch es sich von Spinnerei unterscheidet:
    “Freidenker sind Menschen, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren [...].” Trifft auf den Fall B.T. einfach nicht zu…

    Tauss halte ich für einen ganz anders gelagerten Fall, allein schon weil er nicht für ein Mandat oder Amt kandidiert und im sich im übrigen auch immer klar gegen KiPo ausgesprochen hat. Er hat imho tatsächlich einen Fehler in seiner eigenen Recherche gemacht. Selbst wenn dies anders sein sollte, wäre es für mich unproblematisch, wenn er sich nicht zur Wahl stellt.

  10. Die persönliche Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit von anderen beeinträchtigt wird.
    Freiheit ist nicht grenzenlos.
    Die Art, wie sich die Piratenpartei mit dem Problem auseinandersetzt finde ich in Ordnung. Die Statements gegen Rechtsradikalismus sind imho sehr eindeutig. Es wird auch weitere Skandale geben, ähnlich wie diesen. Das ist gar nicht zu vermeiden. Ab einer gewissen Größe einer Partei gibt es auch Mitglieder, die Meinungen äussern, die skandalträchtig sind. Und da die Piratenpartei eine “Gläserne Partei” ist, sind auch solche Meinungen sofort öffentlich. Da hat es eine Partei, bei der alles schön hinter verschlossenen Türen stattfindet, natürlich viel einfacher – besonders im Wahlkampf. Trotzdem halte ich das Prinzip “Gläserne Partei” für sehr wichtig. Es ist nämlich ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Parteien. Natürlich führt das auch zu Austritten und Nichtwählern, aber diese Menschen fühlen sich bei “Nichtgläsernen Parteien” wohler und können und sollen auch dort Ihr Zuhause finden. Das ist natürlich hart, gerade in der Wahlkampfzeit. Aber man kann Menschen nicht so einfach ändern. Differenziert zu denken lernt man nicht von Heute auf Morgen. Schwarzweissdenken ist viel verbreiteter – weil einfacher. Ich finde jedoch, die Piratenpartei sollte sich an die Mitglieder halten, die sich die Mühe machen differenziert zu denken. Denn nichtgläserne Parteien gibt es viele – gläsene Parteien gibt es nur eine. Schwarzweissdenker um jeden Preis halten zu wollen, schwächt die Piratenpartei auf lange Sicht. Lieber eine öffentliche Diskussion führen und eine facettenreiche Meinungsvielfalt vorzuleben, die am Ende zu dem Einen oder Anderen Ergebnis führt halte ich für viel wichtiger. Natürlich habe ich auch meine Meinung zu den beiden aktuellen Beispielen, Herrn Thiesen und Herrn Tauss.
    Herr Thiesen sollte mindestens das Amt abgeben und falls es ihm schwerfällt sich von seine Äusserungen zu Distanzieren, die Partei ganz verlassen. Bei Herrn Tauss folge ich dem Standpunkt der Unschuldsvermutung. Wenn jetzt aber die Diskussionen innerhalb der Partei dazu führen, dass in einem oder beiden Fällen eine Entscheidung getroffen wird die meinen Ansichten widerspricht, dann werde ich auch damit leben. Ich werde mir die Partei insgesamt anschauen und nicht eine einzelne Entscheidung innerhalb der Piratenpartei. Und wenn ich dabei feststelle, dass diese Partei insgesamt immer noch besser ist als jede andere Partei, dann werde ich sie auch weiterhin unterstützen und wählen (wenn sie es denn auf den Stimmzettel schafft).

  11. Deine geschriebenen Gedanken gefallen mir. Man merkt das Herzblut mit dem Du deine Feder führst. Würde mich freuen einen Auszug deiner Werke auf meiner Homepage wiederzufinden.

    http://www.hotdog-magazine.com

    Sie mal vorbei und las von dir lesen.

    Mit freundlichen grüßen
    Das Hotdog Team

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