Gothic und Religion

Wie schon in der Liste der Vorurteile festgestellt, werden Gothics oft als Teufelsanbeter oder auch Satanisten angesehen. Abgesehen davon, dass es zwischen Teufelsanbetung und Satanismus krasse Unterschiede gibt, ist es natürlich falsch, einen Gothic einfach in eine Schublade zu stecken. Dass Schubladendenken grundsätzlich verkehrt ist und maximal nur für Leute niedrigen Bildungsniveaus relevant sein sollte, muss ich ja wohl nicht anmerken – oder?

Religion unter Gothics ist ein spannendes Thema, da unter den Gothics wohl jede und keine Religion existiert. Verschiedene Ausprägungen und Formen jeglicher denkbarer Religionen sind möglich. Die meisten jedoch berufen sich entweder auf gar keinen Glauben oder auf ihre eigenen Patchwork-Religionen, die Elemente aus verschiedensten Glaubensrichtungen enthält. Religion gehört nicht zum Wesentlichen dieser auf Musik, Kleidung und Gesellschaft ausgerichteten Kultur. Eher steht eine Religiosität sogar im Gegensatz zu den “Prinzipien” dieser Kultur, die aus Freiheit, Individualität, Abgrenzung, Trauer, Aufbegehren und Provokation bestehen. Provokante Mittel sind indes Symbole und Kulte aus der Religion, insbesondere aus dem Christentum und den heidnischen Religionen.

Viele Menschen – und dazu gehören leider nicht nur dumme Menschen – neigen dazu, die Art der Provokation misszuverstehen, zumal heidnische Religionen als ausgestorben gelten. Christliche Symbolik in Verbindung mit heidnischen Symbolen werden als Gotteslästerung erkannt und die Verwender schlicht, ohne nachzudenken, als Satanisten abgestempelt, ohne sich der Bedeutung des Begriffs “Satanismus” überhaupt gewahr zu sein. Ein kurzer Exkurs dazu: wirklicher Satanismus ist nicht das, was durch die Medien vermittelt wird. Im Hollywood-Satanismus liegt das Schwarz-Weiß-Denken auf der Hand. Die Satanisten sind die bösen, die die Welt (bspw. auch durch die Rückkehr des Teufels) unterwerfen wollen. Echter Satanismus (wie bspw. durch LaVey gelehrt) zeichnet sich dadurch aus, dass man zwar die Dogmen der monotheistischen Religionen ablehnt, sich aber eines vorbildlichen Sozialverhaltens bedient, das eigentlich Vorbild für die etablierten monotheistischen Religionen sein sollte. Der Unterschied liegt hier lediglich bei Themen wie Nächstenliebe, wo klar wird, dass Satanismus sehr egozentrisch geprägt und realitätsbezogen ist. Zum Beispiel ist das satanistische Gegenstück zur christlichen Phrase “Liebe deinen Feind” nämlich: “Vernichte deinen Feind, bevor er dich vernichtet”.

Zurück zur Religion und zu den Gothics. Wie schon gesagt, bedienen sich Gothics gerne aus dem Markt der Religionen. Doch es gibt natürlich auch Gothics, die nur einer Religion angehören. Eher sind hier natürlich heidnische Religionen wie Asatru oder Wicca gefragt, aber auch der christliche Glaube ist weiter verbreitet, als man denkt. Die erfolgreichste christliche Gothic-Metal-Band ist Saviour Machine – und diese Band ist definitiv über die Grenzen der religiösen Frage hinaus bei Gothics erfolgreich.

Aufschluss über religiöse Ausrichtung eines Gothics muss man in der Regel erfragen, an äußeren Merkmalen kann man das nicht festlegen. Gut, der christliche Gothic wird meist nur christliche Symbole tragen, dennoch ist das Tragen von ausschließlich christlicher Symbolik kein definitives Merkmal für einen christlichen Gothic. Denn man kann christliche Symbolik auch als reine Provokation oder Anklage tragen – oder nur, weil es schick ist. Auch habe ich schon Gothics kennen gelernt, die sich zum christlichen Glauben bekannt haben, aber dennoch heidnische Symbole um den Hals trugen.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Gothic sich nicht über religiöse Fragen definiert, sondern das jeder an das glaubt, was richtig für ihn erscheint.