Das Google-StreetView-Phänomen

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 7 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Derzeit erhitzt das Projekt Google StreetMap die Gemüter. Angeheizt durch die Politik, die dieses Thema als Nebelkerze verwendet, um von tatsächlich problematischen Themen wie bspw. die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken abzulenken. An der ganzen Diskussion lässt sich aber auch hervorragend erkennen, dass offenbar auch sehr viele Menschen und auch Medien gerne laut über Dinge reden, von denen sie ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung haben, stürzen sich wie die Geier auf die Gerüchte, die sie gehört haben, spinnen dies weiter und machen aus einer eigentlich ganz harmlosen Sache eine monströse Unverschämtheit.

Die Auflösung des Rätsels, was Google StreetView ist, möchte ich hier mal vorweg nehmen: Google schickt seine Fahrzeuge , die mit einer in ca. 2,90m Höhe befestigten 360° Kamera ausgestattet sind, über die Straßen. Hierbei wird alle paar Sekunden ein Foto gemacht. Das passiert für einen Ort in aller Regel einmalig. Diese Fotos werden dann mit dem Kartendienst Google Maps verbunden, so dass man virtuell durch die Städte laufen kann. Gesichter und KFZ-Kennzeichen werden von einer Software mit einer sehr hohen Genauigkeit automatisch erkannt und unkenntlich gemacht. Es kann durchaus passieren, dass dieser Automatismus nicht immer greift, aber Google reagiert sehr schnell auf entsprechende Hinweise und bearbeitet Fotos, auf denen noch Gesichter oder KFZ-Kennzeichen zu erkennen sind, manuell nach.

Damit komme ich dann auch zum problematischen Teil. Es kann nämlich auch durchaus vorkommen, dass man zufällig vom Google-StreetView-Fahrzeug in einer blöden Situation erwischt wird. Viele Situationen kann man jedoch auch durch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit vermeiden: wenn man bspw. eine „Erotik-Videothek“ besuchen möchte und gesteigerten Wert darauf legt, dass man nicht direkt davor fotografiert wird und der Besuch quasi der ganzen Welt angezeigt wird, reicht es aus, sich vorher nochmal umzusehen, ob man eines dieser Fahrzeuge in seiner näheren Umgebung sieht. Die Chance, dass man fotografiert wird, ist jedoch deutlich gering. Wie schon gesagt, fährt das Google-Fahrzeug jede Straße nur ein einziges Mal ab. Dies geschieht in einer Geschwindigkeit von ca. 30 km/h und es wird nicht gefilmt, sondern es wird nur alle paar Sekunden ein Foto geschossen.

Und nun will ich noch die düsteren Legenden und die größten Missverständnisse zu Google StreetView aufklären. Es ist schon bedeutend, wenn sich Promis in aller Öffentlichkeit blamieren, indem sie in der BILD ganz offen und klar zugeben, dass sie keinerlei Ahnung haben, wovon sie sprechen. Aber die Hauptsache ist ja, dass man mal wieder die Namen Sky du Mont oder Jeanette Biedermann liest. Neben anderen haben diese nämlich in einem Interview ganz offenbar gezeigt, dass es trotz grober Ahnungslosigkeit wichtig ist, zu einem Thema zu äußern – und nebenbei auch teilweise noch intime Details aus dem Privatleben veröffentlichen, die man auch mit Google StreetView nicht erfahren hätte. So hat Jeanette Biedermann Angst davor, dass man sie beim nackt Sonnenbaden in ihrem Garten beobachten könnte. Sky du Mont möchte nicht, dass man seine Kinder beim Spielen im Garten beobachten kann. Der BILD-Redakteur Martin Wichmann möchte nicht, dass man sein Haus von allen Seiten einsehen kann. Und ein männliches Topmodel findet es gut, dass er jederzeit nachsehen kann, ob seine Häuser noch stehen.
Die genannten (und vermutlich ein Großteil der bildungsschwächeren Bevölkerung) gehen davon aus, dass jedes Haus mit etlichen Kameras ausgestattet wird, die Live jeden Winkel des Hauses filmt und dies im Internet öffentlich zugänglich macht. Seltsamerweise sind es meist auch solche Leute, die die Bemühungen von gewissen Überwachungsministern positiv bewerten, die am liebsten auch überall Kameras installieren möchten – und das dann sogar im Haus.

Um es nochmal zu verdeutlichen: Google sendet keine Live-Bilder ins Internet, sondern macht einmalige Momentaufnahmen. Der ganze Vorgang dauert wenige Sekunden. Google fotografiert von der Straße aus, wie es quasi jeder machen könnte. Google geht nicht auf die Grundstücke und fotografiert dabei alle Seiten des Gebäudes – geschweige denn den Garten, in dem man gerade Nackt in der Sonne liegt, wie Jeanette Biedermann es, impliziert durch ihre Aussage im Interview, offenbar regelmäßig tut. Wer seinen Garten, in dem er sich nackt sonnt, seine Kinder spielen lässt oder andere private Dinge tut, vor dem Haus hat, was in Deutschland ja recht ungewöhnlich ist, der muss sich damit abfinden, dass Leute, die an dem Grundstück vorbei gehen, einen Blick auf das Geschehen werfen und es sogar fotografieren – so wie es Google quasi auch macht. Zugegeben, eine Kamera in einer Höhe von 2,90m hat nicht jeder, der zufällig am entsprechenden Grundstück vorbei geht. Aber es ist durchaus jedermann erlaubt, mit einer Leiter, die sogar Aufnahmen aus weitaus höherem Blickwinkel ermöglicht, Fotos zu machen.

Manche Leute haben Angst davor, dass durch die fotografierten Straßenzüge potentielle Einbrecher angelockt werden und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, das begehrte Objekt auszuspionieren. Aber mal ganz ehrlich: die regional operierenden Einbrecher kennen die Häuser bestimmt bereits seit Jahren und haben sie schon gründlichst ausspioniert – und zwar besser als drei Fotos von Google das ermöglichen würden. Evtl. haben die Einbrecher schon bereits das Grundstück erkundet und Blicke durch die Fenster geworfen. Also alles, wo Google eigentlich keine Hilfe bietet, da Google weder die Grundstücke betritt, noch Fotos vom Hausinneren macht. Ganz davon abgesehen halte ich die meisten Einbrecher für ebenso ungebildet wie diejenigen, die aufgrund von Google StreetView Angst vor Einbrüchen haben: potentielle Opfer und potentielle Täter haben m.E. die gleiche Ahnung von Google StreetView – nämlich keine.
Einbruchsstatistiken aus Orten, in denen Google StreetView bereits seit Jahren verfügbar ist, zeigen, dass es entweder keinerlei Änderung an der Anzahl der Einbrüche gibt, oder dass die Anzahl der Einbrüche sogar zurück gegangen ist.

Hartnäckig hält sich auch die Aussage, dass durch Google StreetView jeder wisse, wo die einzelne Person wohnt. Auch das ist natürlich Unsinn. Um zu wissen, wer in dem Haus wohnt, brauche in in der Regel erstmal die Adresse der Person. Denn Google veröffentlicht weder Bilder noch Namen von den Personen, die in dem abgelichteten Haus wohnen – abgesehen von den in dem Haus niedergelassenen Firmen, Ärzten, Anwälten, Gaststätten etc.

Wen das nicht beruhigt, dem bleibt immer noch die Möglichkeit, jederzeit(!) Einspruch gegen die Veröffentlichung der Fotografie seines Hauses einzulegen. Das Haus wird dann von Google freiwillig unkenntlich gemacht – es besteht jedoch kein rechtlicher Anspruch. Von anderer Seite betrachtet könnten aber gerade unkenntlich gemachte Häuser Einbrecher anlocken, da ja impliziert wird, dass es dort etwas zu verbergen gibt. Wobei ich auch diese Sichtweise für eher unwahrscheinlich halte. Lustig finde ich jedoch diejenigen, die sich aber von der Presse vor ihrem Haus fotografieren lassen, der Presse die Erlaubnis geben, dass das Foto in der Zeitung und parallel dazu auch noch in der Online-Ausgabe (also im Internet) mit den dazugehörigen Namen, ohne das Gesichter oder das Haus unkenntlich gemacht wurden, veröffentlicht wird – mit der Aussage, dass man nicht möchte, dass das Haus bei Google abgebildet wird. Da brennen einem doch die Synapsen durch…

Mein Fazit ist: hier wird ein größeres Fass aufgemacht, als nötig ist. Nicht nur von Leuten, die keine Ahnung haben, aber mal laut sein möchten, sondern auch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten. Bei manchen steht auch nur das Google-Bashing im Vordergrund, weil sie der tiefen inneren Überzeugung sind, dass Google einfach nur böse ist und deshalb grundsätzlich alles schlecht ist, was von Google kommt. Nun ja, diese persönliche Überzeugung darf jeder haben, aber man muss sie nicht zwangsweise teilen 😉
Und wie schon in der Einleitung erwähnt, bin ich davon überzeugt, dass das Thema von der Politik bewusst in den Vordergrund gerückt wird, um eigene Unzulänglichkeiten zu verschleiern, um unpopuläre Gesetze ohne größeren Widerstand aus der Bevölkerung, weil die ja gerade mit was anderem beschäftigt ist, durchzudrücken.

4 Gedanken zu „Das Google-StreetView-Phänomen

  1. Was fällt mir dazu ein: „Wer keine Probleme hat, der macht sich halt welche! Eben typisch Deutsch, man muss doch immer was zu meckern haben, wo käme man denn dahin, wenns mal ohne sinnfreie Diskusion abgeht?“

  2. Ich wurde persönlich auch von dem Street-View-Auto heimgesucht und begrüßte es mit Freuden und einem Gegenfoto.
    3 mal hat es mich warhscheinlich fotografiert.
    Und nun warte ich endlich auf den Tag, an welchen ich endlich im Internet bei StreetView zu sehen bin.

    Moege dieser Tag schnell kommen!

    Und das trotz all des dämlichen Protestes gegen StreetView.

  3. Die Leute, die gegen StreetView protestieren würden auch gegen Twitter oder irgendeinen anderen Dienst protestieren, wenn nur was Negatives in allen Zeitungen drin stände. Schön am Strand fremde Leute in peinlichen Situationen fotografieren und öffentlich auf Flickr oder so stellen. Wissen gar nicht was sie da teilweise tun. Aber gegen Streetview protestieren. Herr, lass Hirn regnen!

  4. Ja ich schäme mich manchmal für meine Mitbürger ….. Dein Blogartikel trifft es auf den Kopf.
    😉 Na ja Hauptsache alle Mitreden.
    Ich bin grad durch die Herzogstraße gesurft mit Street view, Auffallend viele Häuser sind Zensiert….

    So ein Unsinn

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