Der Plagiator

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 6 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Über Experten, Doktortitel und Hausaufgaben

„Es ist ein Skandal“ ertönt es aus fast allen deutschen Mündern. Die einen halten es für einen Skandal, dass Karl-Theodor zu Guttenberg große Teile seiner Doktorarbeit bei anderen Autoren kopiert hat, ohne dies zu kennzeichnen. Die anderen halten es für einen Skandal, wie mit „Gutti“ umgegangen wird. Und wiederum anderen halten es für einen Skandal, dass dieser Skandal andere tatsächliche Skandale in den Schatten stellt.

Ich gehöre zu denjenigen, die sich einen Spaß aus der Situation machen. Bis heute habe ich mich nicht wirklich ernsthaft und sachlich mit dem Thema auseinander gesetzt, sondern nur aus Spaß am „bashen“ mitgemacht. Aber natürlich habe ich zu diesem Thema auch eine Grundintention, weshalb ich nun doch mal sachlich an die Thematik herangehen möchte.

Wer hat nicht schon mal geschummelt? In der Schule, an der Uni oder sogar am Arbeitsplatz? Ich schätze, dass sich da die wenigsten von freisprechen können. Aber sind Hausaufgaben, die man bei einem Klassenkameraden abschreibt oder aus dem Internet kopiert, oder Klassenarbeiten bzw. Klausuren, bei denen man vom Tischnachbarn abguckt, vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Arbeit im Umfang einer Doktorarbeit? Ich habe nie eine Doktorarbeit geschrieben, aber anhand der Arbeiten, die ich in Schule, Uni und während meiner Ausbildung erarbeiten musste, kann ich mit Gewissheit sagen, dass dies nicht vergleichbar ist. Eine wissenschaftliche Arbeit muss nicht unbedingt etwas neues hervorbringen, sie ist aber ein persönlicher Leistungsbeweis, ein Beweis dafür, dass man sich mit der Materie auseinander gesetzt hat, sie versteht und man sich zum Experten in dem Thema damit deklariert. Von daher ist es viel erbärmlicher, wenn man bei einer wissenschaftlichen Arbeit betrügt, da man sich dadurch selbst betrügt.

Ok, klingt nach den hohlen Phrasen, mit denen Lehrer, Dozenten und Professoren ihre Schüler in regelmäßigen Abständen quälen. Dennoch bin ich inzwischen auch zu dem Schluss gelangt, dass der Selbstbetrug hier das eigentliche Schlimme ist. Was nützt es mir, wenn ich durch eine wissenschaftliche Arbeit, die ich nicht selbst (oder nur in Teilen) geschrieben habe, bessere Job-Chancen habe, weil gerade vielleicht Experten auf dem Gebiet meiner Arbeit gesucht werden? Nichts, denn ich würde spätestens dann, wenn ich den Job habe, auf die Fresse fliegen, weil man merkt, dass ich doch kein Experte bin. Allerdings gibt es in der heutigen Gesellschaft ein ziemlich bescheuertes (konservatives) Werte-System, dass jemand mit einem akademischen Titel grundsätzlich bessere Job-Chancen hat und auch besser bezahlt wird, als jemand, der zwar die gleichen oder besseren Fähigkeiten hat, aber sich die Mühen eines akademischen Grades aus irgendwelchen Gründen (bspw. Pragmatismus, Bequemlichkeit) erspart hat. Der Mensch wird nicht nach tatsächlicher Leistung bewertet, sondern nur nach augenscheinlicher.

Grundsätzlich ist es doch so, dass man Experte ist, wenn man sich selbst zu einem solchen ernennt. Dabei bedeutet dies eigentlich nichts. Ich bin in meiner Firma bspw. der Virenexperte. Ich habe lediglich gesagt, dass ich gut mit Computerviren umgehen kann, dass ich jeden PC bisher säubern konnte (ja, das stimmt auch). Allein durch eine solche Aussage, macht man sich zu einem Experten. Das bedeutet nicht, dass es für mich ein ewiges Alleinstellungsmerkmal ist und ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, denn die Kollegen könnten es auch lernen und eventuell irgendwann besser sein als ich. Ein Experte ist so lange ein Experte, wie er sich als solcher behaupten kann bzw. so lange man es ihm glaubt. Sascha Lobo zum Beispiel, der Internet- und Social-Network-Experte, ist auch nur deshalb Experte, weil er sich offensiv als solchen bewirbt. Die meisten Leute glauben ihm das auch.

Ein Doktortitel ist nichts weiter als eine offensive Selbstbewerbung als Experten. Grundsätzlich halte ich sogar Doktortitel für Überflüssig, weil er letztendlich doch nichts über die fachliche Qualität des Trägers aussagt. Wenn ich zu einem Arzt gehe, der seinen Doktor in Kardiologie gemacht hat, ich aber nur meine Halsschmerzen untersuchen lassen möchte, nützt weder mir noch ihm der Doktortitel etwas. Mag sein, dass er bewiesen hat, dass er sich mit dem menschlichen Herzen gut auskennt, aber ich erwarte von jedem Arzt, dass er mich korrekt behandelt – wobei ich mich dahingehend allerdings noch auf die Unterschiede der fachlichen Ausrichtung verlasse. Ähnlich ergeht es mir mit jedem anderen Akademiker. Was nützt mir ein Anwalt, der seine Doktorarbeit über Abhandlungen in mikronesischem Recht verfasst hat, wenn ich Ärger mit meinem Vermieter habe? Die Hauptsache ist doch, dass er Anwalt ist und mich gegenüber meinem Gegner verteidigen kann bzw. meinen Gegner „platt macht“.

Ja, liebe Leser, eigentlich spreche ich dem Doktortitel und anderen akademischen Graden ihren Sinn und ihren Wert ab. Zumindest so lang man es allein von der Seite betrachtet, was es anderen nützt. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass solche Titel nur ein Blendwerk sind, weil sie anderen eine Sicherheit vermitteln, der Herr oder die Frau Doktor könne alles besser, obwohl sich deren Leistung im Schnitt nicht von denen ohne diesen Titel unterscheidet. Der einzige, der von so einem Titel Nutzen zieht, ist derjenige, der ihn (zu Recht oder zu Unrecht) trägt. Tatsächlich ist es mir also auch scheißegal, ob zu Guttenberg nun „Dr. Gutti“ oder „nur Gutti“ heißt. Mir war es, bis zu dieser Plagiatsdebatte, nicht mal bewusst, dass er überhaupt einen Doktortitel trägt. Gekocht wird bei ihm auch nur mit Wasser.

Kommen wir also zum Thema „Guttenberg“ zurück. Eigentlich müsste man jetzt glauben, dass es mir egal ist, ob Gutti abgeschrieben hat oder nicht. Dem kann ich jedoch nur verhalten zustimmen. In meiner Moralwelt gehört sich sowas nicht – jedenfalls ab einem bestimmten Punkt. Da ist es mir auch vollkommen egal, ob es sich um eine Doktorarbeit, eine Diplomarbeit oder um eine kreative Arbeit im Berufsleben handelt. Ich halte es für eine Unverschämtheit, wenn man hochwertige geistige Arbeit anderer nicht würdigt, wenn man sie mit Füßen tritt, indem man sich daran bedient und kein Wort darüber verliert, sondern sich selbst so darstellt, als sei es dem eigenen „brillanten“ Geiste entsprungen. Diese relativierenden Aussagen wie „wer hat denn nicht bei einer Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben?“ machen es nicht besser. Vielmehr bestätigen solche Aussagen, dass es doch vollkommen in Ordnung sei, Urheber nicht zu benennen. Wenn ein Urheber darauf verzichtet, im Falle eines Falles benannt zu werden, so ist das seine Sache. Es wäre für mich dennoch ein Akt der Höflichkeit, ihn zu erwähnen, außer er will es nicht.

So, mein lieber Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, es ist verständlich, dass Du aufgrund des gesellschaftlichen und politischen Drucks Deinen Doktortitel zurück gibst. Ich erwarte aber auch, dass Du nicht nur lapidar um das Thema herum redest und lediglich behauptest, Du würdest Deine Arbeit aufgrund handwerklicher Mängel zurückziehen, sondern dass Du Dich bei den Autoren, von denen Du kopiert hast, entschuldigst. Dann kann man das Thema als erledigt betrachten. Um Deinen Ruf wirst Du Dir keine Gedanken machen müssen. Das deutsche Wählervolk ist im Schnitt so beschränkt, dass es diese Sache so oder so spätestens in einem halben Jahr vergessen haben wird. Und wenn Du Dich bemühst, endlich mal ehrlich zu sein und gute Politik zu machen, dann werden die Fehler, die Du in Deiner Amtszeit gemacht hast, auch nicht mehr so leicht wieder hochkochen. Das kritische Wählervolk, welches Deine Fehler nicht vergisst, wird Dich bzw. Deine Partei sowieso nicht wählen. Aber ich behaupte mal, dass Du sie mit guter Politik besänftigen kannst.

Zum Abschluss aber noch dieses hier (scnr):

kopiert bei http://macbush.com/2011/02/19/der-plagiator/

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