Atomarer Ernstfall in Japan

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 6 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Am gestrigen Freitag bebte in Japan die Erde. Die Richterskala erreichte dabei einen Wert von 8,9 – es ist das schwerste Erdbeben dort seit mindestens 140 Jahren. Das Epizentrum lag im Nordosten Japans, im Pazifik, wodurch die Küstenregionen des Inselstaates von einem Tsunami überrollt wurden. Bisher sind über 1.000 Tote bestätigt, ich gehe aber davon aus, dass die Zahl noch um einiges nach oben korrigiert wird. Folgendes Video zeigt beeindruckende Bilder von der Zerstörungkraft des Wassers:

Zunächst hieß es in den Nachrichtenmeldungen, die aufgrund der beschädigten Infrastruktur nur sehr spärlich zu uns gelangen, dass sich vier Atomkraftwerke aus Sicherheitsgründen abgeschaltet hätten. Von einer Gefahr war da noch nicht auszugehen. Wenig später kam der erste Bericht, dass ein Generator des AKWs Onagawa in Flammen stehe. Eine Stunde später wurde berichtet, dass das AKW Fukushima ein Problem hätte – die Notstromaggregate funktionieren nicht und die Kühlanlage wird nun über Batterien betrieben, welche die Funktionalität jedoch nur wenige Stunden aufrechterhalten könnten. Betroffen sind drei der sechs dort vorhandenen Reaktoren. Zwar seien auch mobile Notstromaggregatoren vor Ort vorhanden, aber ein Kabel(!) fehle, um diese mit dem Kühlsystem zu koppeln.

Der Brand in Onagawa wurde relativ zügig gelöscht, während sich die Lage in Fukushima immer mehr zuspitzte und der atomare Notstand ausgerufen wurde. In der Zwischenzeit gab es Meldungen, dass die USA Kühlflüssigkeit an Japan für das AKW Fukushima ausfliege, doch letztendlich hat die U.S. Airforce diese Meldung dementiert, da Japan keine Lieferung angefordert habe, weil man lieber sein eigenes Ding durchziehe. [Update]Abgesehen davon wird sowieso nur mit Wasser gekühlt. Die Agenturen haben das missverständlich verbreitet. Es war eigentlich die Rede von Unterstützungsgeneratoren für das Kühlsystem (oder sowas in der Art)[/Update] Neben den Problemen in Fukushima wurde auch berichtet, dass eine Wiederaufbereitungsanlage in Rokkasho ebenfalls nur mit Notstrom arbeite. Versagt dort die Kühlung, kann sich der atomare Müll selbst entzünden. Dies ist zwar nicht vergleichbar mit einem Reaktorvorfall, birgt aber dennoch das Risiko größerer radioaktiver Verseuchung.

In Fukushima haben die Batterien am Abend (ca. 22:30 MEZ = 05:30 Ortszeit) ihre Leistungsgrenze wohl erreicht. Kühlwasser tritt irgendwo aus und ist Berichten zu folge auf einem kritischen Niveau. Der Druck in einem Reaktor steigt und man hat sich entschlossen, Dampf abzulassen. Dieser wird zwar gefiltert, aber es kann nicht verhindert werden, dass radioaktive Strahlung freigesetzt wird. Im Innern des Meilers ist die Strahlenbelastung inzwischen auf dem tausendfachen des Normalwertes, was durchaus eine partielle Kernschmelze bedeuten kann. Außerhalb des Kraftwerks wurden achtfach erhöhte Werte gemessen und der Betreiber schließt einen Austritt von radioaktiver Strahlung nicht aus. Die Behörden haben angeordnet, das Gebiet um den Reaktor in 10 km Umkreis zu evakuieren, außerdem werden Jodtabletten verteilt. Aktuelle Meldungen sagen, dass die Spezialisten vor Ort offenbar die Kontrolle über den Reaktordruck verloren haben. [Update] In Fukushima gibt es zwei Kernkraftwerke. Bisher machte nur eines der beiden Probleme, inzwischen sind beide Kraftwerke (ca. 11 km voneinander getrennt) gestört.[/Update]

Zwar hat sich die Bauweise von Atomkraftwerken immer wieder verbessert. Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Betonkomplex um den Reaktor eine große Katastrophe wie bspw. in Tschernobyl verhindern kann. Das vorausgegangene Erdbeben und die ständigen und anhaltenden Nachbeben könnten die Struktur des Kraftwerkes beeinträchtigt haben. Übrigens: Auch das deutsche Kernkraftwerk Krümmel, welches immer wieder durch Störfälle auffällt, ist ein Siedewasserreaktor. Betreiber des Pannenmeilers sind E.ON und Vattenfall, die im Übrigen nicht sehr viel für die Betriebssicherheit von Krümmel unternehmen (habe ich in einem Bericht gesehen/gelesen, weiß aber nicht mehr wo – doch die Umstände sprechen eigentlich genug für sich).

Jetzt sitze ich hier – hin und her gerissen von verschiedenen Arten der Spannung. Geöffnet sind mehrere Liveticker verschiedener Nachrichtenseiten und -agenturen. Die Sensationsgier in mir möchte, dass was schlimmes passiert, während Vernunft und Anstand in mir sagen, dass ich auf ein glimpfliches Ende hoffen soll. Natürlich sind in einem solchen Fall die Sensationsrezeptoren sensibilisiert und ergötzen sich an allem, was passiert. Natürlich ist es niemandem zu wünschen, dass der GAU eintritt und ich hoffe aufrichtig, dass es den Menschen dort erspart bleibt. Japan hat vor gut 66 Jahren genug Leid durch die Atombomben in Nagasaki und Hiroshima erfahren.

Das einzig Positive an der brenzligen Situation ist, dass auch hierzulande die Debatte über Atomenergie wieder befeuert wird.

Nachtrag zum Thema Kernschmelze (Danke an Ac Tro): Die Kernschmelze ist erstmal „nicht so schlimm“. Richtig schlimm wird es dann, wenn aus der Kernschmelze mehr wird und eine Kettenreaktion wie in Tschernobyl auslöst und einem der Reaktor um die Ohren fliegt.

[Update 12:06] In Fukushima gab es am frühen Morgen eine Explosion, der Evakuationsradius wurde auf 20km erweitert. Ein Video der Explosion, bei der Gebäudeteile weggesprengt wurden, hat das BBC veröffentlicht: http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-pacific-12721498. Es ist dabei auch Radioaktivität ausgetreten. Ob der Reaktor explodiert ist (die Kernschmelze wurde offiziell bestätigt) oder ob es „nur“ eine Explosion aufgrund des hohen Drucks war, ist derzeit noch nicht bekannt.

Ein Gedanke zu „Atomarer Ernstfall in Japan

  1. Japan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Die armen Menschen in Japan. Nicht nur, dass sie um ihr Leben fürchten müssen, sondern ihr Land wird nun verseucht sein. Im AKW Fukushima 1 ist die Radioaktivität schon auf das Tausendfache des Normalmaßes gestiegen. Deutlich erhöhte Werte gibt es auch in der Umgebung, die Evakuierungszone wurde ausgeweitet. Hoffentlich bekommen das die Japaner in den Griff.

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