Feiertagstanzverbot

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 6 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Hessen hat mit 15 „Stillen Tagen“, an denen ein Tanzverbot gilt, nach Baden-Württemberg (18 Tage), die meisten Tage in Deutschland, in denen aufgrund klerikaler Befindlichkeiten die persönliche Freiheit der Menschen eingeschränkt wird. Denn bei diesen Tanzverbotstagen geht es – mit Ausnahme des Volkstrauertages – fast ausschließlich um kirchliche Feiertage. Die dazugehörigen Gesetze sind in grauen konservativen Zeiten geschmiedet worden, als man sich noch nicht vorstellen konnte, dass sich immer weniger Bevölkerung zum christlichen Glauben bekennt. In Hessen war dies 1971. Nur mal zum Vergleich: Berlin hat lediglich drei Feiertage, an denen ein Tanzverbot zwischen 4 und 12 Uhr gilt.

Im Jahr 2004 lehnte der Baden-Württembergische Landtag eine Petition, das Tanzverbot abzuschaffen, mit der Begründung, dass der Schutz der Sonn- und Feiertage eine große Bedeutung habe. In Bayern wurde 2008 das Feiertagsgesetz aufgrund „Verrohung der Sitten“ verschärft. Was man unter der „Verrohung der Sitten“ alleweil in Bayern versteht, müsste man einen der dortigen Sittenwächter mal fragen. Aber offensichtlich hat es nichts mit Korruption zu tun, sondern eher mit einer von jämmerlichen Kinderfickern Pfaffen anerzogenen Angst vor der Kirche, die den christlichen Glauben schon immer und zu jeder Gelegenheit zu einer Trauerfeier pervertiert hat. Ja, als Christ ist man meistens gezwungen, andächtig und angsterfüllt vor einem zornigen Gott zu harren, der einem jederzeit die ganze Kraft seines Zornes spüren lassen kann.

Wie dem auch sei (ich lasse ja gerne mal meinen Missmut am christlichen Glauben und vor allem an der Kirche aus), halte ich das Feiertagsgesetz für nicht mehr zeitgemäß. Ungefähr ein Drittel der Deutschen Bevölkerung gehört nicht dem christlichen Glauben an und ich wette, dass ein weiteres Drittel zwar auf dem Papier zu irgendeiner Kirche gehört, aber sich nen Scheißdreck um irgendeinen Glauben schert. Dem letzten Drittel gehören dann wohl hauptsächlich Rentner und Fundamentalisten an sowie Heuchler, die von christlichen Werten „predigen“, aber diese Werte bei jeder sich ergebenden Gelegenheit mit Füßen treten. Durchschnittsbürger, die einen ernsthaften christlichen Glauben haben, bilden wohl tatsächlich eine Minderheit. Ich kenne zumindest keinen, dem ich als Außenstehender relativ objektiv das Zertifikat „Christ“ verleihen würde (selbst in meiner eigenen Familie werde ich mit Intoleranz bestraft, weil ich nicht ins konservative Muster passe). Schon vor diesem Hintergrund ist es albern, ernsthaft ein Gesetz aufrecht zu erhalten, welches zum Schutz des Feiertages als Tag „der seelischen Erhebung“ (wer hat sich diese gequirlte Wortwahl eigentlich ausgedacht?), also als Tag der Andächtigkeit – bei christlichen Feiertagen also der Andächtigkeit vor Gott -, errichtet wurde.

Nehmen wir mal an, dass die Ereignisse, die sich vor ca. 2.000 Jahren begeben haben sollen, tatsächlich geschehen sind. Wer die Bibel gelesen hat – also wer sie wirklich! gelesen hat – wird verstehen, dass alle christlichen Feiertage, selbst der Ewigkeitssonntag (Totensonntag) und Karfreitag Tage der Freude sein sollten.

Totensonntag: im Gedenken an die Verstorbenen ist es Verschwendung zu trauern. Denn in der Bibel steht im Grunde (wenn man mal die schwachsinnigen Drogenexzesse von Johannes ignoriert, der die Offenbarung verzapft hat, genauso wie die fundamentalistischen und faschistischen Hetzschriften von Paulus), dass der Verstorbene ins Himmelreich gekommen ist. Also ist es doch ein Grund zur Freude!

Karfreitag: Hätte es keine Kreuzigung von Jesus Christus gegeben, hätte sich die Prophezeiung nicht erfüllt und es gäbe keine Christen. Dass Jesus sich als Märtyrer für die Menschen hingegeben hat, ist doch ein Grund zur Freude! (Ok, meine Argumentation hat da einen kleinen Schönheitsfehler: ohne Christen hätte die Menschheit in den letzten 2.000 Jahren vermutlich nicht so viel leiden müssen…)

Wie man es auch dreht und wendet: ich als Atheist sehe keinen Grund darin, irgendeinen der christlichen Feiertage als Trauertag zu behandeln, an dem es aus Gründen der Pietät geboten wäre, freudige Veranstaltungen zu verbieten. Vielmehr sind diese Tanzverbote dem Unwissen oder der Unfähigkeit, über den Tellerrand zu Blicken, von Politikern geschuldet.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Ein Gedanke zu „Feiertagstanzverbot

  1. Irre, ich wusste gar nicht dass es in Hessen 15 solcher Tage gibt – 3 so wie in Berlin (Karfreitag, Totensonntag und Heilig Abend) würden doch völlig reichen, oder?

    Aber mal ehrlich: Gibt es wirklich welche die kontrollieren, ob an Silvester bzw. Neujahr alle „Tanzveranstaltungen“ um 04 Uhr enden?

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