Generation Cover-Bands

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 5 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Heute bin ich über eine Sache gestolpert, die mich nicht überrascht, aber dennoch so blöde ist, dass ich mich mal dazu auslassen möchte – zumal ich ja schon seit längerem kein Pamphlet mehr in meinem Blog veröffentlicht habe. Gleichzeitig werde ich mich aber auch zu meinem Fehler bekennen, denn auch ich bin schon in solch dumme Situationen geraten.

Aus welchen Gründen auch immer – ich weiß es auch nicht mehr – habe ich mir bei Youtube das Lied „Ja klar“ von Schwester S feat. Rödelheim Hartreim Projekt angeschaut. Für die, die es nicht wissen: Schwester S ist auch bekannt als Sabrina Setlur und war in meiner Jugendzeit angesagt. Die Musik gehört zum vorbildlichen deutschen HipHop, welchen es heute gar nicht mehr so wirklich gibt, da der deutsche HipHop von Pseudo-Gangstern und billigen Clowns wie Sido und Bushido unterwandert und kaputt gemacht wurde. Um sich den Song, der 1995 erschienen ist, nochmal in Erinnerung zu rufen, bietet es sich an, das folgende Video anzusehen:

Nach diesem überraschenden Genuss dieses Kunstwerkes – ich bin ja inzwischen deutlich andere Töne gewöhnt – habe ich auf Youtube weiter gestöbert und bin auf Sabrina Setlurs „Du liebst mich nicht“ gestoßen, welches ich auch noch aus meiner Jugendzeit kannte. Der Song wurde 1997 veröffentlicht.

An dieser Stelle komme ich zu meinem eigentlichen Erlebnis, welches mich zum Schreiben dieses Artikels inspiriert hat. Ich stöbere gerne durch die Kommentare zu den Videos bei Youtube und staunte nicht schlecht, dass dort offensichtliche Kinder Sabrina Setlur vorwerfen, den Song bei einer mir nur am Rande vom Hörensagen bekannten Künstlerin geklaut zu haben. Die Rede war von Lafee. Es wäre doch schon sehr erstaunlich, wenn die damals gerade erst 7jährige Christina Klein, die erst im Jahre 2006 den Künstlernamen „LaFee“ ins Spiel gebracht hat, den Song geschrieben hätte, um dann von einer respektablen Künstlerin wie Sabrina Setlur beklaut zu werden. Die gleichen Kinder bei Youtube behaupten auch, dass sich das angebliche Original von LaFee viel besser anhöre und bezeichnen Sabrina Setlur als schlechten Fake.

Uff – das sitzt. So viel Blödheit wie bei diesen Kindern aus den bildungsferneren Schichten (Ausdrucksweise und Schreibstil legen diese Vermutung zumindest nahe) ist doch kaum zu ertragen. Außerdem klingt die Version von LaFee viel scheußlicher (und es ist gar nicht so einfach, ein verfügbares Sample davon im Internet zu finden, da bspw. bei Youtube alle Videos – der GEMA sei Dank – nicht verfügbar sind).

Aber halt! Haben wir nicht alle hin und wieder mit diesem Problem zu kämpfen? Dass sich die Version des Songs, welche wir als erste kannten und an die wir uns gewöhnt haben, besser klingt als andere Versionen? Ich habe für mich immerhin den Kompromiss gefunden, dass sich die anderen Versionen meistens nur anders anhören, aber die Interpretationen der jeweiligen Künstler für sich genommen gut gelungen sind. In seltenen Fällen ist die Cover-Version definitiv besser als das Original, manchmal wäre meinem Empfinden nach die Cover-Version besser nie produziert worden. Letzteres gilt für mich auch im Fall von „Du liebst mich nicht“ von LaFee – aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus und letztendlich ist es auch alles Geschmacksache.

Doch schwererwiegend als die eventuelle musikalische Verstimmung ist der Irrtum über das Original. Lachte ich doch vor einigen Jahren mit einer flüchtig Bekannten darüber, dass ein paar Kids zur SoftCell-Version des Songs „Tainted Love“ erklärten, dass ihnen das Original von Marilyn Manson besser gefalle, ist mir erst später peinlich bewusst geworden, dass ich Soft Cell als Originalinterpreten vermutete – stattdessen war Gloria Jones im Jahre 1964 die Urheberin dieses Songs. Hier mal die Songs im Vergleich:

(Kann sein, dass zumindest das Video von Manson von Youtube – der GEMA sei Dank – demnächst wieder entfernt wird; aber ihr findet sicher irgendwo im Netz eine Alternative.)

Doch diese Peinlichkeit hielt mich leider nicht davon ab, obwohl ich es eigentlich gelernt haben sollte, anderen Künstlern den Ursprung von Liedern zuzuordnen. Als Beispiel führe ich die finnische Symphonic-Metal-Band Nightwish an. Dort habe ich „Plagiarismus“ (nein, eigentlich handelt es sich um ein völlig legitimes Cover) weniger vermutet. So fiel ich aus allen Wolken, als man mir eröffnete, dass der Song „Over the hills and far away“ ursprünglich von Gary Moore stammt. Zum Glück hatte ich vorher nie gegenüber jemandem behauptet, das Original sei von Nightwish. Dieser Song ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass die Interpretation eines anderen Künstlers eine richtige Aufwertung sein kann – ohne die gebührende Achtung des Originals zu schmälern. Wobei auch das natürlich wieder auf den Standpunkt des Betrachters ankommt.

Wer Peinlichkeiten, ausgelöst durch sein Unwissen, vermeiden möchte, der sei also angehalten, so lange er sich nicht sicher ist, sich nur unverbindlich zu äußern. Einem Künstler vorzuwerfen, er habe das Lied nur geklaut, obwohl er doch eigentlich der Urheber ist, ist nicht nur blöd, sondern auch für denjenigen, der es besser weiß, ein Grund, mit der Dachlatte zumindest gedanklich auf den Blöden einzudreschen. Und – bitte korrigiert mich, falls ich mich irre – vor allem die heutige jüngere Generation scheint eher davon betroffen zu sein, als diejenigen, die vor den 90ern geboren wurden.

Auch wenn es schon länger Bands gibt, die erfolgreiche Songs von anderen Künstlern covern – mal mit gutem, mal mit eher zweifelhaftem Ergebnis -, beschleicht mich das Gefühl, dass hauptsächlich heutige Bands der Pop-Musik nur in Ausnahmen noch genügend Kreativität besitzen, um selbst ein Album ganz ohne eine Cover-Version, die meistens auch qualitativ dem Original nie und nimmer gerecht wird, zu erarbeiten – wobei man bei den wenigsten Mainstream- oder Pseudo-Alternative-Bands noch richtige Kreativität entdecken kann. Da geht es dann doch mehr darum, möglichst schnell für die dummen Fans eine anspruchslose Grütze zusammenhanglos auf eine CD zu pressen und diese zu unverschämten Preisen auf den ohnehin von nutzlosem, inhaltslosem und unkreativem Mist gesättigten Markt zu schmeißen, um sich über die Einnahmen zu freuen, die sowas tatsächlich noch generieren kann. Wobei da die“Künstler“ weniger die Wurzel allen Übels sind, sondern die Musikindustrie (es würde ja nicht „Industrie“ heißen, würde nicht das schnelle Geld dabei im Vordergrund stehen), auch wenn die Künstler sich daran nur zu gerne beteiligen. Letztendlich bleibt die Frage – und da bediene ich mich einer Phrase aus dem Buch „Seichtgebiete“ von Michael Jürgs – wie in dem Zusammenhang die Definition von „geistig“ aus dem von der Musikindustrie gebetsmühlenartig wiederholten „geistigen Eigentum“ lautet.

Da ich bezweifle, dass Cover-Versionen in der Regel die geistige Schöpfungshöhe, wie sie vom Gesetzgeber zum Schutz von Werken verlangt wird, besitzen, wäre es nur gerecht, dass die gecoverten Songs unter den gleichen Voraussetzungen veröffentlicht werden, wie das Original. In Deutschland „erlischt“ das Urheberrecht des Künstlers an seinen Werken 70 Jahre nach seinem Tod, das Werk wird danach gemeinfrei. Entsprechend sollten auch die Cover-Versionen somit gemeinfrei werden.

2 Gedanken zu „Generation Cover-Bands

  1. Tja, ich denke das hängt auch damit zusammen, daß die Leute mittlerweile mehr Musik online beziehen. Und falls doch mal ein Tonträger in Händen gehalten wird, so scheint es nicht mehr Usus zu sein sich dem Booklet/Inlay zu widmen. Da finden sich ja oft „kryptische Hinweise“ auf den Schöpfungsprozess. 😉

    Aber völlig neu ist auch dieses Phänomen nicht, gab ja auch etliche Nirvana Fans die nicht wußten, von wem „The Man Who Sold the World“ stammte.

  2. „Errare humanum est, in errore perseverare stultum.“ (Irren ist menschlich, im Irrtum beharren dumm.)

    Im Bereich Original-Cover hatte wohl jede Generation so ihre Irrtümer. Spontan fällt mir da noch „51st state“ ein. Davon kennt kaum jemand das Original (von „The Shakes“), sondern nur die Version von „New Model Army“ (die zumindest aus meiner Sicht auch um Klassen besser und somit zurecht bekannter ist).

    Zum Zeitgeist scheint es allerdings zu gehören, auf einem falschen Standpunkt vehement zu bestehen. Man hat dies schließlich im weltweiten Netz schon an unterschiedlichen Stellen gelesen, also muss es ja stimmen. Tja, Fehler verbreiten sich im Internet leider deutlich schneller als auf herkömmlichem Weg. Deshalb finde ich es gar nicht verkehrt, das eigene Wissen durchaus auch einmal zu hinterfragen – insbesondere bevor man andere zurechtweist. Aber das ist wohl ein Wunsch, dem die Wenigsten nachkommen dürften…

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