Straßenkrieg

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 3 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Seit einiger Zeit etabliert sich der Begriff des „Kampfradlers“. Der „Kampfradler“ halte sich nicht an Regeln und nehme keine Rücksicht, so die Aussagen. In Berlin und Freiburg ist sogar eine Kampagne angelaufen, die zu mehr Rücksicht „insbesondere von und gegenüber Radfahrerinnen und Radfahrern“ aufruft. Wer einmal ein Medium dieser Kampagne zu Gesicht bekommen hat, sieht aber auch, dass man diese Kampagne viel eher nur als Aufruf deuten kann, dass nur die Radfahrer mehr Rücksicht nehmen sollen. Hier als Beispiel die Webseite der Kampagne: http://www.rücksicht-im-strassenverkehr.de

Bei der Verwendung des Begriffs „Kampfradler“ wird jedoch vollkommen außer Acht gelassen, dass es daneben auch gleichermaßen „Kampfkraftfahrer“ und „Kampffußgänger“ gibt. Andere Verkehrsmittel erwähne ich hier mal aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht. Insbesondere Autofahrer beschweren sich gerne über die Fahrradfahrer. Teilweise sicherlich zu Recht, allerdings werden von ihnen in aller Regel alle Fahrradfahrer über einen Kamm geschert. Umgekehrt sieht es allerdings auch nicht besser aus. Fahrradfahrer beklagen sich gerne über die rücksichtslosen Autofahrer. Und letztendlich sind da noch die Fußgänger, die sich über Auto- und Fahrradfahrer beklagen, während die beklagten ihrerseits gegen die Fußgänger wettern. Und dieser Kreislauf bewegt sich in eine Sackgasse.

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Ich selbst bin ja Fußgänger, einige Zeit auch viel mit dem Rad unterwegs gewesen und auch als Autofahrer habe ich am Verkehr teilgenommen. Meistens nicht auf Krawall gebürstet. Aber hin und wieder habe auch ich mich über die anderen Verkehrsteilnehmer aufgeregt. Und wenn man erstmal bewusst auf alle anderen Verkehrsteilnehmer achtet, sieht man, dass es überall Rücksichtslosigkeit gibt.

Was mir so aufgefallen ist, stelle ich in drei Abschnitten dar:

Die Autofahrer

Autofahrer stehen an der Spitze der Nahrungskette im Straßenverkehr. Vielen ist aber dabei nicht bewusst, dass damit auch viele Pflichten einher gehen. Ein großes Problem bei Autofahrern ist die Geschwindigkeit. Damit meine ich nicht nur, dass es etliche Autofahrer gibt, die es geil finden, mit überhöhter Geschwindigkeit zu fahren (und sich dann noch aufregen, wenn sie dabei erwischt werden – selbst wenn sie, wie ein Bekannter von mir, den ich nicht leiden kann, dazu noch ein verbotenes Radarwarngerät einsetzen), sondern mehr um den Drang, so schnell wie möglich voran zu kommen. Dabei werden neben Geschwindigkeitsbegrenzungen auch viele andere Regeln ignoriert. Auf der Autobahn wird dicht aufgefahren und rechts überholt. Bei Ampeln wird bei gelb nochmal richtig Gas gegeben, nur damit man nicht warten muss. Dass dabei dann hin und wieder auch mal eine rote Ampel überfahren wird und somit Fahrradfahrer und Fußgänger in Lebensgefahr gebracht werden, habe ich auch schon einige Male erlebt. Manchmal sind Zebrastreifen für „Kampfkraftfahrer“ auch nur ein Vorschlag und Fußgänger, die einen solchen benutzen möchten, werden ignoriert und notfalls weggehupt. Auch der Schulterblick nach rechts, ob da vielleicht Fußgänger oder Fahrradfahrer kommen, wird nicht selten ausgelassen – hin und wieder mit tödlichem Ausgang. Und selbst in den Fällen, wo es glimpflich ausgeht, muss man dann als Fahrradfahrer häufig Schimpf- und Hasstiraden über sich ergehen lassen, obwohl man sich richtig verhalten hat. Und auch ob der Fußgänger „Vorfahrt“ hat oder nicht, ist oft genug egal. Stattdessen wird der Fußgänger einfach von der Straße gehupt und manchmal dazu noch beleidigt oder bedroht.

Doch auch andere Probleme mit Autofahrern sind üblich: auf der Autobahn gilt die mittlere Spur quasi als rechte Spur. Man darf dort also – trotz Rechtsfahrgebot – fahren, auch wenn auf der rechten Spur viel Platz ist. Das verstehen viele jedoch nicht und manch einer glaubt, den vermeintlichen Rechtsfahrignoranten belehren zu müssen, indem er ihn nach dem Überholvorgang schneidet und ganz auf die rechte Spur rüber zieht und dabei billigend in Kauf nimmt, dass sein gefährlicher Belehrungsversuch einen Unfall verursachen kann.
In der Stadt hat man als Autofahrer unterdessen immer ein Problem, Parkplätze zu finden. Und weil das manchmal länger dauert, als man dafür aufwenden möchte, werden kurzerhand Fußgänger- und Fahrradwege zugeparkt. Übrigens nicht nur von normalen Autofahrern, sondern auch vom Ordnungsamt oder der Polizei. Und besonders ärgerlich (und gefährlich) für Radfahrer: Viele Autofahrer vergewissern sich nicht bevor sie aussteigen, ob von hinten vielleicht ein Fahrradfahrer kommt. Stattdessen wird einfach die Tür aufgerissen und ein Fahrradfahrer befindet sich dann in einer lebensgefährlichen Falle.

Die Fahrradfahrer

Fahrradfahrer haben das schwere Los, schwächer als Autofahrer, aber stärker als Fußgänger zu sein. Dem Autofahrer können sie nur selten gefährlich werden (abgesehen von einigen Rüpeln, die sich – egal wie eng es ist – rechts an wartenden Autos vorbei drängen und dabei mit ihrem Lenker Spiegel beschädigen oder Kratzer in den Lack machen). Manche Fahrradfahrer ignorieren auch den Umstand, dass das Auto gewinnt, sollten sie bei rot über die Ampel fahren und plötzlich kommt ein Autofahrer von der Seite angebraust. Ansonsten sind manche Fahrradfahrer einfach nur ärgerlich und gefährlich für Fußgänger. An einer roten Ampel anzuhalten fällt offenbar vielen Fahrradfahrern deutlich schwerer, wenn es sich nur um einer Fußgängerampel handelt. Entweder wird der Fußgänger zur Seite geklingelt oder man schlängelt sich durch die Fußgänger, die gerade die Ampel überqueren, durch. Der Konflikt mit den Fußgängern ist auch bei Bushaltestellen anzutreffen, bei denen der Fahrradweg zwischen Straße und Wartezone verläuft (die Stadtplaner, die so nen Mist verzapfen, gehören eigentlich eingesperrt). Und dann gibt es noch die Fahrradfahrer, die sich – egal wie voll es ist – mehr oder weniger ohne Rücksicht auf Verluste durch Fußgängerzonen oder Bürgersteige bewegen. Ärgerlich wird es vor allem dann, wenn ein ausgewiesener Radweg (der auch benutzbar ist) vorhanden ist, der von den Fahrradfahren aber ignoriert wird.

Gefährlich für Fußgänger und für sich selbst verhält sich ein Radfahrer dann, wenn er bei Dunkelheit ohne Licht unterwegs ist. Ist er dann auch noch dunkel bekleidet, ist er für Autofahrer und Fußgänger fast unsichtbar. Beim Autofahrer hilft da auch kein Schulterblick mehr. Und ein Fußgänger, der nicht ganz genau hinschaut, könnte dem Fahrradfahrer in den Weg laufen. Beim Licht geht es also nicht nur darum, dass der Fahrradfahrer genug sieht (habe ich auch schon als Begründung gehört), sondern vor allem darum, dass er auch von anderen gesehen wird. Deshalb ist es auch wichtig, helle Kleidung oder eine Warnweste zu tragen, um gut gesehen zu werden.

Die Fußgänger

Fußgänger sind die schwächsten Teilnehmer im Straßenverkehr und haben somit die meisten Rechte. Das bedeutet nicht, dass sich Fußgänger per se gar nicht rücksichtslos verhalten können. Im Gegenteil! Das fängt allein schon bei Hundebesitzern an, die auf der einen Seite des 10 Meter breiten Bürgersteigs laufen, während ihr Hund auf der anderen Seite läuft und man dadurch quasi gezwungen wird, über die Leine, die sich über den gesamten Bürgersteig zieht, drüber zu steigen. Dann habe ich häufig schon feststellen müssen, dass Fußgänger ohne nach rechts und links zu blicken auf den Fahrradweg laufen. Fahrradfahrer müssen dann beherzt ausweichen oder bremsen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Und so richtig ärgerlich sind Fußgänger, die kurzerhand den Fahrradweg für sich einnehmen und sich auch nicht von Fahrradfahrern, die es dann auch noch wagen zu klingeln, von dort vertreiben lassen. Auch an roten Fußgängerampeln kommen Fußgänger gerne Fahrradfahrern in die Quere. Hat man als Fußgänger noch einigermaßen Respekt vor herannahenden Autos, werden Fahrradfahrer manchmal komplett ignoriert und man springt in der Hoffnung, dass der Fahrradfahrer schon ausweichen wird, einfach auf die Straße. Und manch einer fordert seinen Schutzengel noch mehr heraus, indem er einfach zwischen parkenden Autos auf die Straße springt, ohne zu prüfen, ob da vielleicht irgendwo ein Auto kommt.
Für manche Fußgänger gilt auch gegenüber anderen Fußgängern keine Rücksichtnahme. Viele gucken nicht, wohin sie laufen und erwarten, dass die anderen Fußgänger schon Kollisionen vermeiden werden.

Fazit

Man sieht also, dass jeder seinen Teil zur gegenseitigen Rücksichtnahme beitragen kann und sollte. Es betrifft alle Gruppen von Verkehrsteilnehmern, aber zum Glück immer nur einen Teil und nie ausnahmslos alle. Autofahrer stellen die größte Gefahr für alle anderen Verkehrsteilnehmer dar, da bei ihnen bei einem Unfall mit einem der anderen Teilnehmer am wenigsten passieren kann. Und auch wenn es durchaus Unfälle gibt, wo Fußgänger schwerer als beteiligte Fahrradfahrer verletzt werden, ist der Fahrradfahrer derjenige, der von allen Gruppen am gefährdetsten ist.

Niemand kann und sollte allein von „Kampfradlern“ reden, wenn er nicht auch die rücksichtslosen Teilnehmer der anderen Kategorien beachtet. Und wenn sich nicht Städteplaner und Politik mehr mit den Ursachen dieser Problematik beschäftigen, wird der Straßenkrieg zwischen den unterschiedlichen Kampfteilnehmern (zu Lasten aller rücksichtsvollen Verkehrsteilnehmer) weitergeführt.

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