Guttenberg zurück?

Des Volkes Stimme ist laut. Noch lauter ist die BLÖD-Zeitung. Glaubt man den lauten Stimmen, möchte das Volk Karl-Theodor zu Guttenberg (auch „Der Plagiator“) nach seinem gestrigen Rücktritt wieder zurück in seinem Amt als Verteidigungsminister sehen. Eine Facebook-Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ hat inzwischen schon über 450.000 Mitglieder (wobei einige dort wohl nicht für seine Rückkehr plädieren, aber das dürfte eine Minderheit sein).

Ich mache mir natürlich Gedanken, warum fast eine halbe Million deutscher mündiger(?) Bürger Herrn zu Guttenberg zurück haben möchte. Liest man in der Facebook-Gruppe, stellt man fest, dass dort hauptsächlich von seinen großartigen Leistungen als Politiker geschrieben wird, sofern der Ruf nach dem Zurück überhaupt irgendeinen Inhalt hat. Am Anfang will ich klar stellen, dass mir der Rücktritt von Guttenberg relativ egal ist. Meinetwegen hätte er auch weiterhin im Amt bleiben können.

Vielen geht diese Hexenjagd auf Guttenberg auf die Senkel. Klar, manche sehen in Guttenberg den Heilsbringer, manche halten das Thema inzwischen für ausgelutscht (nach drei Tagen wird ein Thema uninteressant, dann muss ein neues zackiges Thema her, denn man will sich ja bespaßen lassen und seiner Sensationsgier neuen Input gewähren). Aber Hexenjagd? Eine Hexenjagd ist für mich die zwanghafte Suche nach Makeln oder Schwächen seines Opfers, um es anschließend dafür zu verurteilen. Zugegeben, bei Guttenberg wurde auch nach einem Makel gesucht, aber im Gegensatz zu einer Hexe hat Herr Guttenberg tatsächlich was „verbrochen“.

Guttenberg hat beschissen – und zwar nicht irgendwann irgendwo, sondern bei einer der höchsten akademischen Auszeichnungen. Es macht für mich schon einen Unterschied, ob man bei den Hausaufgaben bei nem Klassenkameraden abschreibt oder ob man sich bei einer Doktorarbeit auf diese Weise gehen lässt. Da sind deutliche qualitative Unterschiede, die ein vernunftbegabter Mensch erkennen sollte. Wenn aber von Regierung und Bevölkerung geduldet wird, dass ein äußerst sympathisch wirkender Minister betrügt, ist das nicht nur ein Faustschlag ins Gesicht jedes Akademikers, der seinen Titel ehrlich erworben hat, sondern es zeigt auch, dass Regierung und Minister sich über das Gesetz stellen dürfen – und das sogar mit Befürwortung von einem nicht unerheblichen Teil des Volkes (und der BLÖD-Zeitung). Angela Merkel sagte in einer ihrer Verteidigungsreden für Guttenberg, dass sie keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt habe, sondern einen Minister. Doch darum geht es nicht. Sähe die Sache anders aus, wenn Guttenberg Steuern hinterzogen hätte, wenn er Schmiergelder von Waffenschiebern angenommen hätte, wenn er sich auf welche andere Art und Weise auch immer strafbar gemacht hätte? Vermutlich schon. Oder wirkt die Superstar-Aura des schillernden und adeligen zu Guttenberg auch dann, wenn es mehr um weltliche Dinge geht? (99% aller Guttenberg-Befürworter sind vermutlich keine Akademiker, haben also meist keinen blassen Schimmer von der Bedeutung einer Doktorarbeit.)

Man mag meinen, eine Doktorarbeit ist ja nur ein Text. Das ist dann ja nicht so schlimm… wir kopieren uns ja auch unsere Musik und Filme aus dem Internet. Wenn man erwischt wird, wird es teuer.  Zwar halte ich die Methoden der Rechteverwerter durchaus für fragwürdig, dennoch plädiere ich dafür, dass die Künstler ein Recht darauf haben, für ihre Werke belohnt zu werden. Das gilt nicht nur für Musik, Filme, Software, sondern auch für Bücher, journalistische Artikel sowie Aufsätze und andere wissenschaftliche Texte. Wenn sich jemand an anderen bereichert, ohne deren Zustimmung zu haben, nennt man das Diebstahl. Wenn man sich mit fremden Federn schmückt, ist dies eine Täuschung (oder auch ein Betrug). Der Begriff Diebstahl ist eigentlich als das Wegnehmen einer Sache definiert. Bei einer Kopie wird in dem Sinne niemandem eine Sache weggenommen, aber man bringt den Eigentümer um seine Anerkennung. Stellt euch doch mal vor, ihr habt DEN Song geschrieben/komponiert oder ihr habt DIE Geschichte geschrieben oder DAS Spiel programmiert. Plötzlich kommt jemand an, bedient sich an eurem „geistigen Eigentum“ (geistiges Eigentum gibt es vom logischen Zusammenhang her gar nicht, aber der Begriff wurde für diese Situation geprägt und ist allgemein verständlich, deshalb sei mir verziehen, dass ich mit solchen unsinnigen Begrifflichkeiten um mich werfe) und scheffelt damit die große Kohle (oder heimst sich auf andere Weise dafür die Lorbeeren ein), während ihr daheim sitzt und leer ausgeht. Ganz ehrlich: würdet ihr da nicht auch auf die Barrikaden gehen und denjenigen, der euch die Anerkennung weggenommen hat, auf welche Weise auch immer zur Verantwortung ziehen wollen?

Selbst nachdem es klar war, dass Guttenberg (weite) Teile seiner Doktorarbeit bei anderen Autoren kopiert hat, ohne den Autoren in der nötigen Form die gebotene Anerkennung in Form von Fußnoten zu gewähren, hat er sich zunächst nicht auf die Plagiatsvorwürfe eingelassen, sondern sie bestritten. Erst nachdem der Druck auf ihn größer wurde und weitere Textstellen, die er zweifellos kopiert hatte, aufgedeckt wurden, hat er sich in ein Wischiwaschi gedruckst, in dem er zwar noch nicht konkret bestätigt hat, dass er kopiert habe, aber aus dem klar wurde, dass er gemerkt hat, ertappt worden zu sein. Vermutlich hätte man ihm verziehen, wenn er sich gleich zu Anfang aufrichtig entschuldigt hätte. Wenn er gesagt hätte (dabei kommt es auf den Wahrheitsgehalt nicht an), er habe versehentlich die Fußnoten vergessen und er wolle diese nun mit Hilfe der Netzgemeinde nachträglich einfügen und seine Doktorarbeit nochmals zur Bewertung an der Universität einreichen (sofern das überhaupt möglich ist – das kann ich nicht beurteilen). Er hätte auch direkt sagen können: „Hey, ja, ich hab da was Dummes getan, ich hab abgeschrieben, ich bitte die Uni meinen Titel zurück zu nehmen und akzeptiere eine angemessene Strafe.“ Auch das hätte seinem Image nicht geschadet, sondern hätte gezeigt, dass er Rückgrat besitzt. Weil sie Rückgrat besitzen, sind übrigens noch ganz andere Menschen von ihrem Amt zurück getreten. Man denke zum Beispiel an die ehemalige Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, die aufgrund einer „Bagatelle“ von ihrem Amt zurück getreten ist, weil sie wusste, dass sie eine Verfehlung begangen hat und sie eine Vorbildfunktion besitzt. Ihr hat man zugejubelt, weil sie Rückgrat bewies und manch einer hätte sie sogar gerne als Bundespräsidentin gesehen.

Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Wäre Frau Käßmann im Amt geblieben, hätten sich doch die Geier auf sie gestürzt und sie zum Rücktritt gezwungen. Warum ist es mit Guttenberg anders? Warum sollte er, der auch eine Vorbildfunktion besitzt, nun keine Konsequenzen aus seinem Fehlverhalten ziehen, Rückgrat beweisen und zurücktreten? Guttenberg hat politisch nichts erreicht. Mehr noch hat er gezeigt, dass er mit Problemen in seinem Ministerium nicht umgehen kann. Als 2009 in Afghanistan ein Tanklaster von der Bundeswehr bombardiert wurde und es eine große Anzahl an zivilen Opfern gab, hat er mit beinahe täglich wechselnden Aussagen für Widersprüchlichkeiten und Verwirrung gesorgt und letztlich Oberst Klein als Sündenbock präsentiert. Der Schuldige war gefunden, Guttenberg war fein raus. Fatal war seine Äußerung, dass die Bundeswehr auch wirtschaftliche Interessen absichern solle – für die gleiche Äußerung geriet der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler stark in die Kritik, weshalb er sein Amt niederlegte. Man mag dies Ehrlichkeit nennen, aber es zeigt dennoch nur auf, wie unsere Regierung, deren Vertreter Guttenberg für das Heer ist, über Einsatzmöglichkeiten der Bundeswehr denkt, welche verfassungsfeindlich sind. Im letzten Jahr entsetzten Berichte von Ekel-Ritualen bei der Bundeswehr das deutsche Volk. Genau das deutsche Volk, welches sich an Ekel-Formaten wie „Dschungelcamp“  (immerhin 7,4 Millionen Zuschauer) und Folter-Filmen wie SAW aufgeilt, verurteilt nun zugegeben unappetitliche, aber dennoch in der Regel auf freiwilliger Teilnahme (ich habe mit mehreren ehemaligen Soldaten gesprochen, die diese Rituale kennen) basierende „Rituale“ bei der Bundeswehr. Guttenberg gibt sich autoritär, findet auf der Gorch Fock einen Offizier, der sich daneben benimmt, und suspendiert ihn. Sündenbock gefunden! Im vergangenen Jahr hat Guttenberg auch eine große Bundeswehrreform eingeleitet. Die Wehrpflicht entfällt, somit aber auch der alternative Zivildienst. Ich selbst war nie Befürworter der Wehrpflicht, aber dieser Totalausfall ist insbesondere für soziale Dienste, die auf Zivildienstleistende angewiesen sind, ein riesiger Kostenfaktor. Das, was in der Bundeswehr gespart wurde, muss nun mindestens in den sozialen Sektor fließen. Die Reform hat gute Ansätze, ist aber leider nicht gut genug durchdacht gewesen. Und Herr Guttenberg hat die Reform sogar noch um einige Monate nach vorn gezogen, so dass die Wehrpflicht nicht mehr für die Schulabgänger des letzten Jahres galt und somit den sozialen Einrichtungen kurzfristig die geplanten Zivildienstleistenden weggefallen sind.

Trotz dieser Dinge, hat Guttenberg sein Ansehen in der Bevölkerung nicht verloren. Warum ist das so? An dieser Stelle zitiere ich eine Person mit dem Pseudonym Häkelschwein:

Wer nur Boulevardmedien konsumiert, aber kaum seriöse Zeitungen oder Bücher liest, für den ist alles unterhalb von Superstars, Sensationen und Riesenwirbeln jenseits der Wahrnehmungsschwelle, für den gibt es nur total toll oder total scheiße.

Guttenberg war seit langem der erste Politiker, der es über die Wahrnehmungsschwelle dieser Bevölkerungsgruppe geschafft hat, alle übrigen verschwimmen in ihren Augen in derselben grauen Masse.

(Übrigens lohnt sich das Lesen des ganzen oben verlinkten Kommentares bei Netzpolitik, aber natürlich auch der Artikel zu diesem Kommentar. Häkelschwein werde ich auch im folgenden Text in einigen Passagen sinngemäß wiedergeben)

Am 01.03.2011 um ca. 11:20 Uhr hat Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt bekannt gegeben. Als kritischer Zuhörer behaupte ich, dass seine Rede ausgesprochen gut war. Nicht dass man mich falsch versteht: ich empfand seine Rede wie ein einlullendes Blendwerk. Sie war derart gestaltet, dass sie dem gemeinen Zuhörer Tränen der Rührung und des Mitleids in die Augen treiben konnte. Er hat sich zu der Plagiats-Affäre abermals nicht konkret ausgedrückt, hat seine Fehler nur mangelhaft eingestanden. Als frech empfand ich, dass er die bedauerlicherweise in Afghanistan verletzten und getöteten deutschen Soldaten als Begründung für seinen späten Rücktritt vorgeschoben hat. Besser wäre m.E. gewesen, wenn er diesen Zusammenhang nicht hergestellt hätte. Aber seine Rücktrittsrede hat bei vielen gewirkt. „Respekt“ habe ich von manchen Personen gehört. Respekt? Wofür? Dass er Rückgrat bewiesen hat und zurückgetreten ist? Nein, meine lieben Freunde, Respekt hätte man im zollen können, wenn er, wie ich schon schrieb, viel eher und angemessen aus die Plagiatsaffäre reagiert hätte, wenn er endlich mal von Anfang an  ehrlich gewesen wäre, was er bis zuletzt nicht war. Sein Rücktritt kam von politischer Sicht her zu spät – und wie ich schrieb, hätte es vermutlich nicht einmal dazu kommen müssen.

Ich verweise auf oben, dass es mir prinzipiell egal ist, dass er zurückgetreten ist. An seine Stelle kommt jetzt jemand, der den Job mindestens genauso kann, der (nun ehemalige) Innenminister Thomas de Maiziére. Wir müssen uns da nichts vor machen: Guttenberg hat kein gutes Bild abgegeben. Und das hätte jeder andere in dem Amt sehr wahrscheinlich auch nicht. Guttenberg war politisch nichts besonderes, er ist, was das angeht, problemlos ersetzbar. Er hat es aber geschafft, die Massen für sich zu gewinnen. Guttenberg ist den Menschen sympathisch (auch mir!). Der Unterschied zwischen kritischen Politik-Betrachtern und dem bildungsfernen Pöbel besteht allerdings darin, dass der bildungsferne Pöbel, die Konsumenten von Boulevardblättern, welche sich sich als Sprachrohr des Volkes verstehen, aber meist nur das sensationsgierige und promigeile Klientel bedient, welches politisch so desinteressiert/desorientiert ist, dass man es mit populistischen Schlagzeilen sehr gut manipulieren und kontrollieren kann, gar nichts von der politischen Arbeit von Guttenberg weiß, sondern sich einfach nur sicher ist, dass ein Mensch mit solchem Charisma auch gute politische Arbeit erledigt. Dass dies weit abseits der Realität sein kann (aber natürlich nicht sein muss), interessiert nicht.

Der Punkt ist der, dass die meisten der Guttenberg-Fans für sachliche Argumentationen nicht zu haben sind. Sie sind geblendet von der Aura Guttenbergs. Er wird von ihnen heroisiert, er wird von ihnen idealisiert, so wie ein Süchtiger seine Droge behandelt. Versucht man nun, an die Wurzel zu gehen, wird der Groupie böse, schaltet auf Durchzug und lässt keine kritische Bemerkung zu. Als Antwort bekommt man entweder Beleidigungen, Rechtfertigungen, Verharmlosungen (auch in Form von Vorhaltungen wie „wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ oder „als ob du noch nie abgeschrieben hättest“) oder einfach nur leere Worthülsen.

Warum also, wenn nicht aus niederen Trieben heraus, wünscht man sich Guttenberg als Verteidigungsminister zurück? Es kann hier nur um die Person gehen, nicht um die Politik, denn die war nichts besonderes. Wenn man das Volk seine Vertreter komplett selbst bestimmen ließe (Deutschland sucht den Super-Minister), würden beliebte Selbstdarsteller aus dem Fernsehen wie Stefan Raab, Günther Jauch, Heidi Klum, Dirk Bach, Thomas Gottschalk und (evtl. als Gegenpol) Dieter Bohlen unser Land führen. Vielleicht wäre das auch keine falsch Wahl, denn letztendlich würden sie den Job auch irgendwie machen – sicherlich mit mehr Theatralik, aber sie würden es schon irgendwie hinbekommen. Unsere bisherigen Politiker kriegen es ja auch irgendwie hin. Man muss nicht zum Politiker ausgebildet werden, sondern man muss sich nur verkaufen können.

Ich greife an dieser Stelle noch eine Sache auf, die mich ein wenig verärgert hat. Manch einer vermutet hinter dem Guttenberg-Skandal die „böse“ Opposition. Gerne wird ja in der Politik der politische Gegner durch das Aufdecken von Skandalen und Skandälchen demontiert. Die Politik ist kein Ponyhof, sondern ein schmutziges Geschäft. Wer sich darauf einlässt, muss darauf gefasst sein, dass er in aller Öffentlichkeit wegen kleinster Fehler bloßgestellt wird. Dabei gehen die Gegner nicht gerade zimperlich vor. Schwächen der anderen werden in der Politik immer ausgenutzt. Sei es nun das Steineschmeißen von Grünen, der Hang zum Kommunismus bei der Linken, die Dienstwagen bei der SPD, die Steuergeschenke der FDP oder die Finanzen (Schmiergelder etc.) bei der CDU. Dazu kommen noch die Kinderficker, die man auch in jeder Partei finden kann. Hitlervergleiche lassen zumindest das gegnerische Bündnis immer wieder aufs Neue zu entsetzten Reaktionen verleiten. Dabei wird skandiert, dass sich das nicht gehört. Und obwohl sich keine Partei davon freisprechen kann, ist die Empörung immer wieder groß.

Diesen „Skandal“ aufgedeckt haben jedoch nicht die Oppositionsparteien, die als erstes nach Rücktritt geschrien haben, sondern das Internet mit seinen Benutzern. Dort war anfangs nichts von Rücktrittsforderungen zu lesen – das änderte sich erst so langsam, als Guttenberg trotz offensichtlicher Beweise den Plagiatsvorwurf abstritt. Die Medien, die bis dahin noch relativ neutral über das Geschehen berichtet haben, stimmten jedoch in den Tenor ein, nachdem Guttenberg sie brüskierte, indem er auf einer Pressekonferenz nicht erschien, sondern sich mit Vertretern ausgewählter Medien „im Hinterzimmer“ traf:

[Das Video bei Youtube wurde leider entfernt]

Letztendlich hat sich die Situation für Guttenberg so sehr zugespitzt, dass ihm als Politiker keine andere Wahl mehr blieb, als von seinem Amt als Verteidigungsminister zurückzutreten.

Nun gut, die Frage, warum er zurück kommen soll, ist weiterhin ungeklärt. Ich habe keinen vernünftigen Grund finden können. Vielleicht hat der freundliche Leser, der es bis hierhin geschafft hat, eine nachvollziehbare Idee, warum Karl-Theodor zu Guttenberg besser als Minister geeignet ist als andere.

Der Plagiator

Über Experten, Doktortitel und Hausaufgaben

„Es ist ein Skandal“ ertönt es aus fast allen deutschen Mündern. Die einen halten es für einen Skandal, dass Karl-Theodor zu Guttenberg große Teile seiner Doktorarbeit bei anderen Autoren kopiert hat, ohne dies zu kennzeichnen. Die anderen halten es für einen Skandal, wie mit „Gutti“ umgegangen wird. Und wiederum anderen halten es für einen Skandal, dass dieser Skandal andere tatsächliche Skandale in den Schatten stellt.

Ich gehöre zu denjenigen, die sich einen Spaß aus der Situation machen. Bis heute habe ich mich nicht wirklich ernsthaft und sachlich mit dem Thema auseinander gesetzt, sondern nur aus Spaß am „bashen“ mitgemacht. Aber natürlich habe ich zu diesem Thema auch eine Grundintention, weshalb ich nun doch mal sachlich an die Thematik herangehen möchte.

Wer hat nicht schon mal geschummelt? In der Schule, an der Uni oder sogar am Arbeitsplatz? Ich schätze, dass sich da die wenigsten von freisprechen können. Aber sind Hausaufgaben, die man bei einem Klassenkameraden abschreibt oder aus dem Internet kopiert, oder Klassenarbeiten bzw. Klausuren, bei denen man vom Tischnachbarn abguckt, vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Arbeit im Umfang einer Doktorarbeit? Ich habe nie eine Doktorarbeit geschrieben, aber anhand der Arbeiten, die ich in Schule, Uni und während meiner Ausbildung erarbeiten musste, kann ich mit Gewissheit sagen, dass dies nicht vergleichbar ist. Eine wissenschaftliche Arbeit muss nicht unbedingt etwas neues hervorbringen, sie ist aber ein persönlicher Leistungsbeweis, ein Beweis dafür, dass man sich mit der Materie auseinander gesetzt hat, sie versteht und man sich zum Experten in dem Thema damit deklariert. Von daher ist es viel erbärmlicher, wenn man bei einer wissenschaftlichen Arbeit betrügt, da man sich dadurch selbst betrügt.

Ok, klingt nach den hohlen Phrasen, mit denen Lehrer, Dozenten und Professoren ihre Schüler in regelmäßigen Abständen quälen. Dennoch bin ich inzwischen auch zu dem Schluss gelangt, dass der Selbstbetrug hier das eigentliche Schlimme ist. Was nützt es mir, wenn ich durch eine wissenschaftliche Arbeit, die ich nicht selbst (oder nur in Teilen) geschrieben habe, bessere Job-Chancen habe, weil gerade vielleicht Experten auf dem Gebiet meiner Arbeit gesucht werden? Nichts, denn ich würde spätestens dann, wenn ich den Job habe, auf die Fresse fliegen, weil man merkt, dass ich doch kein Experte bin. Allerdings gibt es in der heutigen Gesellschaft ein ziemlich bescheuertes (konservatives) Werte-System, dass jemand mit einem akademischen Titel grundsätzlich bessere Job-Chancen hat und auch besser bezahlt wird, als jemand, der zwar die gleichen oder besseren Fähigkeiten hat, aber sich die Mühen eines akademischen Grades aus irgendwelchen Gründen (bspw. Pragmatismus, Bequemlichkeit) erspart hat. Der Mensch wird nicht nach tatsächlicher Leistung bewertet, sondern nur nach augenscheinlicher.

Grundsätzlich ist es doch so, dass man Experte ist, wenn man sich selbst zu einem solchen ernennt. Dabei bedeutet dies eigentlich nichts. Ich bin in meiner Firma bspw. der Virenexperte. Ich habe lediglich gesagt, dass ich gut mit Computerviren umgehen kann, dass ich jeden PC bisher säubern konnte (ja, das stimmt auch). Allein durch eine solche Aussage, macht man sich zu einem Experten. Das bedeutet nicht, dass es für mich ein ewiges Alleinstellungsmerkmal ist und ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, denn die Kollegen könnten es auch lernen und eventuell irgendwann besser sein als ich. Ein Experte ist so lange ein Experte, wie er sich als solcher behaupten kann bzw. so lange man es ihm glaubt. Sascha Lobo zum Beispiel, der Internet- und Social-Network-Experte, ist auch nur deshalb Experte, weil er sich offensiv als solchen bewirbt. Die meisten Leute glauben ihm das auch.

Ein Doktortitel ist nichts weiter als eine offensive Selbstbewerbung als Experten. Grundsätzlich halte ich sogar Doktortitel für Überflüssig, weil er letztendlich doch nichts über die fachliche Qualität des Trägers aussagt. Wenn ich zu einem Arzt gehe, der seinen Doktor in Kardiologie gemacht hat, ich aber nur meine Halsschmerzen untersuchen lassen möchte, nützt weder mir noch ihm der Doktortitel etwas. Mag sein, dass er bewiesen hat, dass er sich mit dem menschlichen Herzen gut auskennt, aber ich erwarte von jedem Arzt, dass er mich korrekt behandelt – wobei ich mich dahingehend allerdings noch auf die Unterschiede der fachlichen Ausrichtung verlasse. Ähnlich ergeht es mir mit jedem anderen Akademiker. Was nützt mir ein Anwalt, der seine Doktorarbeit über Abhandlungen in mikronesischem Recht verfasst hat, wenn ich Ärger mit meinem Vermieter habe? Die Hauptsache ist doch, dass er Anwalt ist und mich gegenüber meinem Gegner verteidigen kann bzw. meinen Gegner „platt macht“.

Ja, liebe Leser, eigentlich spreche ich dem Doktortitel und anderen akademischen Graden ihren Sinn und ihren Wert ab. Zumindest so lang man es allein von der Seite betrachtet, was es anderen nützt. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass solche Titel nur ein Blendwerk sind, weil sie anderen eine Sicherheit vermitteln, der Herr oder die Frau Doktor könne alles besser, obwohl sich deren Leistung im Schnitt nicht von denen ohne diesen Titel unterscheidet. Der einzige, der von so einem Titel Nutzen zieht, ist derjenige, der ihn (zu Recht oder zu Unrecht) trägt. Tatsächlich ist es mir also auch scheißegal, ob zu Guttenberg nun „Dr. Gutti“ oder „nur Gutti“ heißt. Mir war es, bis zu dieser Plagiatsdebatte, nicht mal bewusst, dass er überhaupt einen Doktortitel trägt. Gekocht wird bei ihm auch nur mit Wasser.

Kommen wir also zum Thema „Guttenberg“ zurück. Eigentlich müsste man jetzt glauben, dass es mir egal ist, ob Gutti abgeschrieben hat oder nicht. Dem kann ich jedoch nur verhalten zustimmen. In meiner Moralwelt gehört sich sowas nicht – jedenfalls ab einem bestimmten Punkt. Da ist es mir auch vollkommen egal, ob es sich um eine Doktorarbeit, eine Diplomarbeit oder um eine kreative Arbeit im Berufsleben handelt. Ich halte es für eine Unverschämtheit, wenn man hochwertige geistige Arbeit anderer nicht würdigt, wenn man sie mit Füßen tritt, indem man sich daran bedient und kein Wort darüber verliert, sondern sich selbst so darstellt, als sei es dem eigenen „brillanten“ Geiste entsprungen. Diese relativierenden Aussagen wie „wer hat denn nicht bei einer Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben?“ machen es nicht besser. Vielmehr bestätigen solche Aussagen, dass es doch vollkommen in Ordnung sei, Urheber nicht zu benennen. Wenn ein Urheber darauf verzichtet, im Falle eines Falles benannt zu werden, so ist das seine Sache. Es wäre für mich dennoch ein Akt der Höflichkeit, ihn zu erwähnen, außer er will es nicht.

So, mein lieber Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, es ist verständlich, dass Du aufgrund des gesellschaftlichen und politischen Drucks Deinen Doktortitel zurück gibst. Ich erwarte aber auch, dass Du nicht nur lapidar um das Thema herum redest und lediglich behauptest, Du würdest Deine Arbeit aufgrund handwerklicher Mängel zurückziehen, sondern dass Du Dich bei den Autoren, von denen Du kopiert hast, entschuldigst. Dann kann man das Thema als erledigt betrachten. Um Deinen Ruf wirst Du Dir keine Gedanken machen müssen. Das deutsche Wählervolk ist im Schnitt so beschränkt, dass es diese Sache so oder so spätestens in einem halben Jahr vergessen haben wird. Und wenn Du Dich bemühst, endlich mal ehrlich zu sein und gute Politik zu machen, dann werden die Fehler, die Du in Deiner Amtszeit gemacht hast, auch nicht mehr so leicht wieder hochkochen. Das kritische Wählervolk, welches Deine Fehler nicht vergisst, wird Dich bzw. Deine Partei sowieso nicht wählen. Aber ich behaupte mal, dass Du sie mit guter Politik besänftigen kannst.

Zum Abschluss aber noch dieses hier (scnr):

kopiert bei http://macbush.com/2011/02/19/der-plagiator/